Die Russen während der Zeit des Russischen Reiches1. Die Geschichte der russischen Bevölkerung auf lettischen GebietDie Geschichte der Russen in Lettland reicht lang zurück – schon über 1000 Jahre. In den russischen und livländischen Chroniken werden die ersten russischen Händler im 12. und 13 Jahrundert erwähnt. Bis zur vollständigen Annexion Lettlands in das russische Reich im Jahr 1795 gab es hier nur wenige Russen. Die Volkszählung des gesamten russischen Reichs 1897 ergab, dass Ende des 19. Jahrhunderts etwa 171.000 Russen in Lettland lebten. Mit 77.000 Russen lebte der größte Teil in Latgale, in Vidzeme machten die 68.000 Russen sogar ca. 5% der Bevölkerung aus. In Kurzeme und Zemgale lebten nur 26.000 Russen, was in etwa 3,9% der Bevölkerung war. Die Russen waren gegen Ende des 19. Jahrhunderts nach den Letten die zweitgrößte Bevölkerungsgruppe. In den Städten lebten etwa doppelt soviele Russen, wie auf dem Land. Die Ausnahme war Latgale, wo nur ca. die Hälfte der Russen in den Städten lebten. Die russische Bevölkerung in Vidzeme, Kurzeme und Zemgale kam aus den nahegelegenen Provinzen des russischen Reiches. Der größte Anteil von Neuankömmlingen kam aus den anchbarregionen, wie Kaunas, Vitebsk und Vilnius. Wie auch die anderen Slaven in Lettland, unterschieden sich die Russen von den anderen Volksgruppen durch ihre hohe Geburtenrate. Auch in ihrer sozialen Struktur unterschieden sich die Russen von den meisten anderen Nationalitäten in Lettland. Etwa 54% waren Bauern, dies war der Großteil der Russen in Latgale. Zur Mittelschicht gehörten schätzungsweise 35% und ca. 8% der Russen waren Adlige. Die Russen unterschieden sich von den Leten, die hauptsächlich Bauern waren und auch von den Deutschen, welche größtenteils zur Mittelschicht zählten. Für den relativ großen Bevölkerungsanteil der Russen gab esverschiedene Gründe. Durch den Handel durch die baltischen Staaten floss im 19. Jahrhundert sehr viel Kapital nach Lattland, wovon russische Industrielle profitierten. Außerdem wurden bei der Besetzung Lettlands einige russische Adlige zu Landeignern. Zudem zog die sich rasch entwickelnde Industrie in Lettland ab der Mitte des 19. Jahrhunderts viele russiche Arbeiter an. Der größte Anteil der Russen waren aber russische Bauern, die der religiösen und sozialen Unterdrückung in Russland entflohen. Die aktivste Gruppe unter den Russen in Lettland waren die Händler. Schon sehr früh bildeten sich Handelsbeziehungen zwischen Riga und Novgorod sowie dem Fürstentum Polotsk. Nach der Eroberung Rigas durch die Truppen des Grafen Sheremetjev 1710 wurden der Handel nach Russland noch intensiviert. Allerdings wurde einer zu starken Entfaltung des russischen Handels durch lokale Regelungen entgegen gewirkt, die Händler, welche nicht zu den Rigaer Handelsgilden gehörten, stark einschränkten. Auch einige russische Industrielle gab es gegen Ende des 19. Jahrhunderts. Anfang des 20. Jahrhunderts wurde in der Nähe von Riga die Kuznetsov Porzellanfabrik gegründet. Eine große Anzahl von Russen arbeiteten in Ziegelbrennereien, die die Baubranche belieferten. Die angesehensten russischen Industriellen waren E. Nesterov (500 Arbeiter), F. Nesadomov (120 Arbeiter), V. Chikov (über 100 Arbeiter) und Y. Karjakin mit mehr als 200 Arbeitern. Allerdings standen die Russen zu dieser Zeit nicht an der Spitze der lettischen Wirtschaft, dies war eher den Deutschen vorbehalten. Es gab auch keine großen russischen Investitionen in den Außenhandel. Die Einwanderung der meisten russischen Bauern begann in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts und hielt sporadisch bis ins 20. Jahrhundert an. Die Hauptgründe waren die religiösen Unterdrückungen der Altgläubigen und die äußerst schlechten Bedingungen für Bauern in Russland, die teilweise auch zur Leibeigenschaft gezwungen wurden. Es ist schwierig, ein genaues Urteil über das Ausbildungs- und kulturelle Niveau der russischen Bevölkerung in Lettland während der zaristischen Zeit zu fällen. Die gebildeste Gruppe unter ihnen waren die männlichen russischen Orthodoxen, von denen etwa 70% lesen konnten. Bei den Altgläubigen konnten nur 25% der Männer und 8% der Frauen lesen. Insgesamt war die größte Gruppe von Analphabetisten in dieser Zeit die der russischen Frauen. 2. Die russische MentalitätUnter den Bedingungen des Zarismus wuchs der Gedanke eines politischen Staates bei den Russen in Lettland. Diese Idee lieferten die Basis für eine beständige Politik der Russikation während den Regierungszeiten von Alexander III. und Nicholas II. (hauptsächlich vor der Revolution 1905-1907). Zu dieser Zeit versuchten die Russen ihre Interessen klar von denen des Staates abzugrenzen. Nach und nach begann aber auch ein Teil der Russen sich selbst als eine von vielen Nationalitäten in Lettland zu betrachten. Die russische Tageszeitung "Rizhskij Vestnik" etablierte den Begriff der “Wünsche und Belange der hiesigen russischen Bevölkerung”. Ab den 60er Jahren des 19. Jahrhunderts traten russische Sozialverbände in Erscheinung. In der Zeit der bourgeoisen Reformen von Alexander II. wuchs das Nationalbewustsein der russischen Bevölkerung in Lettland. Bei verschiedenen Stadtwahlen sowie bei den Duma-Wahlen des Russischen Reiches beteiligten sich auch Russen aus Lettland an der politischen Basis. Die russische Minderheit in der Republik Lettland1. Die russische Bevölkerung in der Republik LettlandAm 18. November 1918 wurde die Republik Lettland als unabhängiger demokratischer Staat ausgerufen. Allen Nationalitäten, die in Zeiten unter fremder Herrschaft auf lettischenh Gebiet lebten, bekamen die Möglichkeit, als nationale Minderheiten in Lettland zu bleiben. Alle Russen verloren ihren Status als Angehörige des russischen Reiches, bekamen aber alle Rechte von Bürgern eines demokratischen Staates. In den Jahren des unabhängigen Lettlands wuchs die hiesige russische Gemeinschaft in allen Regionen des Landes. Gemäß den Statistiken von 1920 gab es zu dieser Zeit etwa 91.000 (7,8% der Gesamtbevölkerung) Russen in Lettland. 1935 schwoll die Zahl der russischen Minderheit sogar auf 206.400 und damit 10,5% der Gesamtbevölkerung an. Während der gesamten Zeit des unabhängigen Lettlands blieben die Russen die größte Minderheit in Land. Für das Wachstum der russischen Bevölkerung gab es verschiedene Gründe. Der Bürgerkrieg und die Uebernahme der Macht durch die Bolschewiken in Russland, veranlassten die Auswanderung von Flüchtlingen in viele Länder, auch nach Lettland. Gemäß dem Friedensvertrag zwischen der lettischen Republik und Sowjetrussland fielen bevölkerungsreiche Gebiete in der Provinz Pskov Lettland zu. Aber der Hauptgrund für das russische Bevölkerungswachstum war die hohe Geburtenrate. So wuchs zum Beispiel die Anzahl der Russen 1929 durch natürliches Wachstum um 2.800 an, während die Anzahl der Letten, von denen es immerhin neun Mal so viele gab, nur um 3.700 anstieg. Die Russen hatten im Vergleich mit den anderen nationalen Gruppen die größte Anzahl an großen Familien. Genauso wie schon in der Zeit im zaristischen Reich, blieben die Russen eine der “jüngsten” Volksgruppen in Lettland. Die Anzahl der Kinder unter 14 Jahren betrug 14% der Gesamtzahl der Kinder dieses Alters in Lettland. Die russischen Familien in dieser Zeit zeichnete eine sehr hohe Stabilität aus. Die durchschnittliche Scheidungsrate war bei den russischen Familien nur halb so hoch wie bei lettischen Familien und betrug sogar nur ein Fünftel der Scheidungsrate deutscher Familien. Große Veränderungen gab es bei der Siedlungsstruktur der Russen in Lettland, drei Viertel lebten in Latgale und 14% in Riga. Die Russen wurden ländlicher und betätigten sich mehr in der Landwirtschaft als noch zu Zeiten der russischen Besatzung, als sie hauptsächlich in Städten lebten und in der Industrie arbeiteten. Die große Mehrheit von 80% der Russen arbeiteten in der Landwirtschaft, 7% arbeiteten in der Industrie und 4,9% im Handel. Allerdings befanden sich die meisten Höfe der Russen hauptsächlich in Latgale, der strukturschwächsten Gegend Lettlands. In den Städten von Vidzeme, Kurzeme und Zemgale näherte sich das soziale Leben der Russen an jenes aller Letten an. Aber auch da gehörten die Russen nicht zu den wirtschaftlich und sozial bevorteilten Gruppen. Die Russen unterschieden sich von den Letten, Deutschen und Juden durch geringeren Besitz und eine hohe Rate an Kinderarbeit. Zu Beginn der lettischen Republik war die Analphabetenrate in der russischen Bevölkerung höher als zu Zeiten, als Lettland zum russischen Reich gehörte. 1920 konnten nur 42% der russischen Männer und 28% der russischen Frauen Lesen und Schreiben. Während der Zeit des unabhängigen Lettlands stieg die Zahl russischer Schüler enorm an. Allerdings gab es kaum Russen an den Hochschulen. 1920 waren nur 65 Russen an der Lettischen Universität eingeschrieben, 1939 waren es 220. Lange Zeit versuchte die Lettische Republik die russische Minderheit auf der Grundlage einer großen national-kulturellen Autonomie zu integrieren. Schulen, die die Kinder in den Muttersprachen der jeweiligen Minderheit unterrichteten waren in Lettland keine Seltenheit. Und auch russische Schulen machten da keine Ausnahme. Die russische Sprache spielte eine besonders wichtige Rolle in dem Gerüst der Grundausbildung. Ende der Zwanziger Jahre waren 92% der russischen Kinder an russischen Grundschulen. Gegen Ende der 20er und zu Beginn der 30er Jahre gab es eine steigende Tendenz der Eltern bei den nationalen Minderheiten, ihre Kinder auf lettische Schulen zu schicken. So wurden 1935 nur noch 60% der russischen Kinder in ihrer Muttersprache unterrichtet. Da die Russen weniger gewillt waren, Lettisch oder die Sprachen anderer Minderheiten zu lernen, blieb Russisch eine häufig genutzte Sprache in Lettland. Der Gebrauch der lettischen Sprache war für die russische Bevölkerung nicht besonders reizvoll. In den Zwanziger Jahren konnten gerade einmal etwas mehr als 15% der Russen Lettisch sprechen. Das lettische Milieu vieler Städte war für einige Russen ein großer Anreiz, die lettische Sprache zu erlernen. 70% der russischen Bewohner von Jelgava und mehr als 80% von Bauska, Valmiera und Kuldiga sprachen Lettisch. 2. Das politische Leben der Russen in der Republik LettlandDie Gründung des lettischen Staates am 18. November 1918 veranlasste die hiesigen Russen, neue Prinzipien gegenüber der lettischen Regierung zu erarbeiten. Durch die neuen Bedingungen wurden die Russen zu einer nationalen Minderheit, deren besonderen kulturellen Interessen durch das vom Volksrat verabschiedete Gesetz für kulturell-nationale Autonomie der Minderheiten reguliert wurden. Die Russen in Lettland genossen volle Bürgerrechte und nahmen deshalb auch an dem politischen Leben des Landes teil. Als nationale Minderheit beteiligten sie sich sowohl bei den Wahlen für die verfassungsgebenede Versammlung als auch bei allen vier Wahlen des Saeima (Parlament). Insgesamt erreichten die russischen Parteien Wahlergebnisse zwischen 2 und 6 Prozent. In den beiden Gebieten mit hohen russischen Bevölkerungsanteilen – Riga und Latgale – erlangten die russischen Parteien während der gesamten Zeit des parlamentarischen Staates immer höhere Werte. Die besonderen historischen Gegebenheiten veranlassten eine spezielle Haltung der Russen gegenüber der Idee der national-kulturellen Autonomie. Sie akzeptierten den autonomen Charakter der russischen Kultur und achteten die lettische Kultur. Aber sie glaubten, dass die russische Kultur und das russische Volk im allgemeinen nicht den gleichenRespekt bekam. Die russische Gesellschaft in Lettland wies keine charakteristischen Merkmale auf, die sie von den Russen in Russland unterschieden haette. In der lettischen Republik erarbeitete die russische Bevölkerung ihre eigenenen Grundsätze des sozialen Bewußtseins. Ein charakteristisches Merkmal des russischen sozialen Bewußtseins waren die permanenten Diskussionen zwischen den Anhängern verschiedener Ideen. Zu Beginn der Republik in den Jahren 1918 und 1919, sprach sich der orthodoxe Flügel des nationaldemokratischen Bündnisses (später die Erste Russische Union Lettlands) mit seinem Vorsitzenden N. Bordonos für eine Reinheit der russischen sozialen Organisationen aus. Der liberale Flügel des Bündnisses (später die Russische Gesellschaft Lettlands) mit N. Berejanski und S. Mansyrev an der Spitze bevorzugte dagegen eine enge Zusammenarbeit der russischen Minderheit mit der lettischen Gesellschaft. Dem liberalen Bewusstsein des nationaldemokratischen Bündnisses entsprang der “demokratische Nationalismus”, der Anhaenger in Teilen der russischen Bevoelkerung in Lettland fand. Das Sprachrohr dieser speziellen Ideologie war der Publizist N. Berejanski. Er empfand das Schicksal der Russen in Lettland als nicht einfach. Ihr historisches Mutterland war in den Haenden des Feindes der russischen Kultur und Ethik, dem “bolschewikischen Internationalismus”. Die Russen waren dem demokratischen Staat Lettland fuer die Moeglichkeit dankbar, ihre Kultur auszuueben. Berejanski war der Meinung, dass die Russen allerdings ihre Vorstellungen von nationalen Werten bis zum Aeussersten verfestigen sollten. Die Anhaenger dieser Idee arbeiteten fuer die russische Zeitung “Slovo” (Welt). Gleichzeitig verbreitete die bedeutendste russische Zeitung “Segodnia” diese Ideen der russischen nationalen Werte nicht, sondern befuerwortete die Verteidigung der kulturell-nationalen Autonomie aller Minderheiten. Ein großer Vertreter der russischen nationalen Grundsätze war N. Belotsvelov. Er war der Ansicht, dass es nur natürlich wäre, wenn sich Auswanderer in der Sorge um ihre Kultur dem Nationalismus zu wenden. Die Ideen des “demokratischen Nationalismus” wurden von den Führern der Russischen Bauernunion gefördert. Diese nach rechts tendierende Fraktion stellte drei Abgeordnete im vierten Saeima. Im politischen Sprektrum der Russen gab es aber auch Linke. Im vierten Saeima gab es einen Abgeordneten der Sozialdemokraten und einen kommunistischen Volksvertreter. Obwohl ihr Stellenwert bei den Arbeitern in Riga nicht eben gering war, hatten die linken russischen Parteien insgesamt allerdings nur wenig Erfolg. Die Russen im besetzten Lettland von 1940-19901. Die Russen in Lettland von 1940-1941Der Sommer 1940 war der Beginn für eine Reihe der tragischsten Ereignisse in der Geschichte Lettlands. Das Land verlor seine Unabhängigkeit und wurde in die UdSSR eingegliedert. Die Meinungen der Russen in Lettland über diese Ereignisse waren verschieden. Hinsichtlich dieser politischen Veränderung kann zwischen drei Positionen unterschieden werden: Die russische Intelligenz und der russische Klerus standen dem bolschewistischen Regime völlig ablehnend gegenüber. Ein Teil des russischen Volkes in Lettland hatte die Illusion, dass die Diktatur Stalins sich in ein politischen System wandelt, welches der russischen Monarchie ähnelt. Die vollständige Unterstützung der Bolschewiken in Lettland. Innerhalb des ersten Jahres wurden alle hiesigen russischen Magazine verboten und viele berühmte Russen des öffentlichen Lebens getötet oder unterdrückt.
Es wurden Kolchosen gegruendet und viele der hiesigen Russen arbeiteten bei dem Wachpersonal und der Staatssicherheit. Auch die kommunistische Terminologie verbreitete sich rasch, und die lokalen Russen beteiligten sich aktiv daran. 2. Die Russen in Lettland von 1941-1944Lettland zog als ein Teil der UdSSR in den Zweiten Weltkrieg. Die Russen und die Letten teilten das Schicksal der Unterdrückng durch die Nazis. Ein Teil der hiesigen russischen Bevölkerung unterstützten die kommunistische Partei im Kampf gegen den Faschismus und kämpften in den Reihen der roten Armee und bei den Partisanen. Auf der anderen Seite gab es aber auch eine ganze Menge russischer Kollaborateure, die mit den Nazis zusammen arbeiteten. Sie arbeiteten bei den Zeitungen, die den Mythos “eines nationalen Russlands”, in dem es weder Bolschewiken noch Juden gibt und “die befreiende Mission” der Wehrmacht propagierten. Viele Russen traten der Armee bei. Die Nazis gingen vor allem auf jene Russen in Lettland zu, die unter den Bolschewiken gelitten hatten. Die Zeitungen waren in dieser Zeit voll mit Informationen über die russische nationale Kultur. In Daugavpils eröffnete ein russisches Theater und im Lehrer-Institut von Rezekne wurde eine russischsprachige Klasse für Russischlehrer gegründet. Es wurde sowohl eine Institution, die die Interessen der russischen Bevölkerung im Generalgebiet Lettland repräsentierte als auch ein russisches Kommitee für die Angelegenheiten der russischen Bevölkerung in Lettland gegründet. Diese wurden geschaffen, um die Russen bei ihren wirtschaftlichen, kulturellen und gesetzlichen Bedürfnissen zu unterstützen. 3. Besonderheiten der Nachkriegseinwanderung von Russen nach LettlandHeute sind die Russen nach den Letten die zweitgrößte Volksgruppe in Lettland. 1989 lebten 905.500 Russen in Lettland, was etwa 34,8% der Gesamtbevölkerung ausmachte. Im Vergleich zur demografischen Situation vor dem Zweiten Weltkrieg stieg die Anzahl der Russen um das 4,5-fache, ihr Anteil in der Bevölkerungsstruktur des Landes stieg um das 3.5-fache. Dieses enorme Wachstum der russischen Bevölkerung kann keineswegs ausschließlich an der hohen Geburtenrate liegen. Der Großteil der Russen, die heute in Lettland leben, wanderten während der Besatzungszeit aus anderen teilen der Sowjetunion nach Lettland ein. Die Russen zogen hauptsächlich in die großen Städte, allen voran Riga. Die Russen unterschieden sich von den Letten sowohl bei der sozialen als auch bei der beruflichen Struktur. Ueber ein Drittel der russischen Bevölkerung arbeitete in der Industrie (Letten:ein Viertel), 7% waren in der Landwirtschaft tätig (Letten: 22%) und 1% war in Kultur und Kunst aktiv (Letten: 2,5%). Der Anteil an Russen in der öffentlichen Verwaltung (6,4%) war doppelt so groß, wie der der Letten (3%). Die Russen waren die mächtigste Volksgruppe in der UdSSR, sowohl was die Anzahl als auch was den ideologischen Einfluss anbelangte. In Sowjetlettland dominierten die Russen die gesamte nicht-lettische Bevoelkerung der Republik. Die russische Sprache bildete eine neue Gruppe von Russisch sprechenden Weißrussen, Ukrainern, Polen, Juden und Deutschen. Und obwohl zwischen 1959 und 1979 die Anzahl der Russen in Lettland um 47% stieg, wuchs die Anzahl der nicht-russischen Bevölkerung, die Russisch sprach um 78%. Auf der Grundlage der russischen Sprache entwickelte sich eine ausgeprägte Infrastruktur in Lettland (das Systen der Ober- und Hochschulen, Wissenschaft, Massenmedien, die parteiliche Kontrolle des wirtschaftlichen und sozialen Lebens) 4. Das Nationalbewußtsein der Russen in der lettischen SSRWährend der gesamten sowjetischen Besatzungszeit waren die russischen Massenmedien in Lettland die aktive Stütze der kommunistischen Ideologie, die das Bewußtsein der Russen in Lettland beeinflussten und diesem rein kommunistische Eigenschaften einprägten. Die Ideologie der Kommunistischen Partei lehnte die Ansichten der Lettischen Republik ab, die die russische nationale Minderheit in Lettland als einen Teil Lettlands betrachten. Während der fast 40jährigen Geschichte des der kommunistischen Ideologie in Lettland gab es keine anderen Konzepte. Solche Vorstellungen kamen erst mit den ersten demokratischen Ändrungen in der UdSSR Ende der Achziger auf. Der Beginn des demokratischen Prozesses führte das nationale Erwachen herbei. Neue demokratische Tendenzen gaben sowohl den Russen als auch den Letten gleiche Möglichkeiten einer nationalen Wiederbelebung. Ein Teil der Russen unterstützte das lettische Erwachen aktiv. Vertreter der russischen Öffentlichkeit und einige Gruppen der Russen glaubten, dass “Atmoda” (Erwachen) nicht rückgängg zu machen sei. Im Juli 1988 unterschrieb A. Maltsev, einer der 17 prominenten Personen der lettischen Kultur einen offenen Brief an die breite Versammlung der lettischen Autoren, um eine demokratische Volksfront zu initiieren. Die Idee der Gründung einer populaeren Front in Lettland wurde von den hiesigen russischen Autoren unterstuetzt – L. Azarova, R. Dobrovenski, V. Dozortsev, M. Kostenetska, A. Grigorjev, A. Kazakov, J. Abyzov und vielen anderen. 1989 wurden L. Gladkov, V. Dozortsev, V. Zhdanov, V. Kononov und M. Kostenetska in den Rat der Volksfront Lettlands (VFL) gewählt. A. Grigorjev war einer der Autoren der von der VFL herausgegebenen Zeitung “Atmoda”. Die Auflage der russischen Version der “Atmoda” war relativ gross (zwischen 15.000 und 100.000). Sie war nicht nur bei den russischen Einwohnern Lettlands beliebt, sondern wurde auch von der demokratischen russischen Öffentlichkeit sehr beachtet. Aus der VFL entstand auch Russische Kulturgesellschaft Lettlands (RKGL), deren verfassungsgebende Versammlung am 4. März 1989 statt fand. Das Ziel der RKGL war es, die russische nationale Kultur zu verbreiten, die Russisch-Lettischen Verbindungen zu stärken und mit den Vertretern aller Nationalitäten des Landes zusammenzuarbeiten. Gleichzeitig standen aber auch eine Menge der hiesigen Russen der Wiederbelebung der lettischen Republik mit Argwohn gegenüber, wie man am Ergebnis der Volksbefragung im Jahre 1989 sehen kann. Nur 49% der nicht lettischen Bevölkerung unterstützte die Idee der Unabhängigkeit Lettlands (bei den Letten waren es 93%). “Die Internationale Fron des Arbeitervolkes Lettlands” oder “Die Interfront” traten öffentlich gegen Lettlands Unabhängigkeit ein. “Die Interfront” versuchte die Sympatien der Russen zu erlangen, die nicht besonders tief in der lettischen Gesellschaft integriert waren, die nicht Lettisch sprachen und die das Land nicht besonders schätzten. Die Russen in der wiederhergestellten Republik Lettland1. Russische RückwanderungBei der Bildung des Nationalstaates Lettland wurde durch eine Anzahl von politischen Maßnahmen versucht, den Anteil der Letten in der Gesellschaft Lettlands zu vergrößern. Dies konnte natürlich nur dadurch erreicht werden, Anreize für die Nicht-Letten zu schaffen, das Land zu verlassen. Auch die Bildung der unabhänggen Staaten Russland, Weißrussland und Ukraine 1991 waren Motivation für die Rückwanderung der Russen, Weißrussen und Ukrainer. Natürlich siedelten die Russen nicht nur in der Zeit kurz nach der Wiederherstellung des unabhängigen Lettlands zurück. In den Jahren 1991 und 1992 verliessen sehr viele Menschen Lettland. 1991 gab es 11.200 Aussiedler mehr als Neuankömmlinge und im darauffolgendem Jahr wuchs dieser Auswanderungsüberschuss auf 47.200 an. Durch die russische Remigration verlor Lettland viele Menschen im arbeitsfähigen Alter und das Durchschnittsalter des Landes stieg an. So waren von allen Immigranten gerade einmal 32% im Alter zwischen 30 und 44 und unter 18, während 62% der Emmigranten in den gleichen Altersclustern das Land verließen. Diese große Auswanderung der Russen verschärfte die Problematik ihrer eigenen Identität. Es gab zwei Tendenzen bei der russischen Bevoelkerung. Der eine Teil wollte seine russischen Wurzeln und Traditionen noch weiter vertiefen, waehrend der andere ganz im Gegensatz diese Abhaengigkeit lockern wollte. Die zweite Tendenz wird deutlich, wenn ein Volk bei seiner Entwicklung keine guenstigen Prognosen sieht und die Menschen ihre Volkszugehoerigkeit als ein Hemmnis beim Erlangen von sozialen Annehmlichkeiten betrachten. In diesem Fall ziehen es viele Leute vor, sich den Einheimischen anzupassen. Auch wenn es fuer viele nicht sehr einfach ist, wenigstens ihre Kinder haben die Chance dazu. 2. Selbstwahrnehmung der Russen in der Republik LettlandDie Wiederherstellung der Republik Lettland fand während einer Phase statt,als sich die Sowjetunion in einer großen Krise befand, die schliesslich zum völligen Untergang der UdSSR führte. Nachdem auch Russland sich reformierte, konnten die beiden Länder zum ersten Mal in der Geschichte nebeneinander als unabhängige und demokratische Staaten bestehen. Dieser Prozess hatte einen unmittelbaren Effekt auf die Einstellung der Russen in Lettland. Sie befanden sich in einer Situation, die verschiedene Handelsweisen zuließ. Unter anderem ist es das natürliche Verlangen des Menschen, sich in seiner eigenen Kultur mit der Unterstützung des Staates zu entfalten, aber diese Möglichkeit bedeutete die Rückkehr nach Russland. Die Gesetzgebung Lettlands schuf guenstige Bedingungen für Sozialverbände der russischen Einwohner und ihrer sozialen Initiativen. Die Bekannteste darunter ist die Russische Gemeinschaft Lettlands (RGL) mit ihren Präsidenten B. Borisov. Die RGL wurde direkt nach der Unabhängigkeit Lettlands 1991 gegründet. Von Anfang an legte die RGL ihre kulturellen und sozialen Prioritäten fest – “die Erstellung eines ganzheitlichen realen und effektiven Systems von unterschiedlichen Arten der gegenseitigen Hilfe in geistiger, moralischer und materieller Hinsicht für alle Mitglieder der Gemeinschaft”. Gemäß der Ideologie der RGL ist das vereinigende Element der Russen ihre russische Sprache und nicht ihre ethnische Herkunft. Laut der Verfassung der Russischen Gemeinschaft wird der lettische Gedanke der russischen Minderheit in Lettland nicht unterstützt. Die RGL weist den offiziellen Standpunkt der Unterscheidung der russischen Bevölkerung nach ihren politischen Status zurück, wonach Russen entweder Bürger der Republik sind oder Staatenlose, die einmal Bürger der UdSSR waren. Beide Möglichkeiten machen keinen Unterschied zwischen Russen und anderen russischesprachigen Einwohnern. Die Russische Gemeinschaft Lettlands versucht die Elemente des russischen Bewusstseins wieder zubeleben, die sich in der Lettischen Republik zwischen 1918 und 1940 entwickelt haben. Wie in den Zwanziger Jahren gibt es eine Tendenz zu einer sozialen russischen Infrastruktur. Die Russen heutzutage schätzen die Idee der kulturell-nationalen Autonomie, die im Vorkriegs-Lettland verwirklicht wurde. Die RGL ist eher eine soziale als eine politische Organisation, trotzdem will sie helfen, das lettische Staatssystem zu stärken. Die Satzungen der RGL spielgeln allerdings noch immer den Unterschied zwischen dem russischen Anspruchs im heutigen und im Vorkriegs-Lettland wider. Damals war das Leben fuer Russen ausserhalb Russlands eine Tragoedie, eine Heimkehr ins Mutterland haette unter Umstaenden den Tod bedeutet. Die Russen in Lettland in dieser Zeit wuenschten sich das alte Russland zurueck. Die bedeutendsten russischen Vereine neben der RGL sind: Der baltisch-slawische Verein der kulturellen Entfaltung und Zusammenarbeit (der aelteste russische Verein im heutigen Lettland, gegruendet 1988). Der BSV hat ueber 100 Mitglieder und der Vorsitzende ist B. Popov. Der lettische Verein fuer russische Kultur, gegruendet 1989, ueber 100 Mitglieder, Vorsitzender ist Jury Abyzov. Das Zentrum fuer Geisteswissenschaften und Ausbildung “Yedi”, gegruendet vom Rat der Altglaeubigen und der orthodoxen Eparchie. Praesident: I. Ivanov Die lettische Stiftung der slawischen Sprache und Kultur, gegruendet 1989. Die Mitglieder der Stiftung sind russische Gemeinde Riga, der ukrainische Verein "Dnipro" und der weissrussische Verein "Svitanak". Praesident der Stiftung ist M.Gavrilov.
Am 16. Juni 1995 unterzeichneten elf russische national-kulturelle Vereine und andere Organisationen der lettischen Republik die Vereinbarung fuer die Gestaltung eines Rates fuer die russischen Gesellschaften Lettlands. Das Ziel der konstituierenden Vereinbarung ist “die Foerderung der russischen nationalen Traditionen und Kultur sowie die geistigen und ethischen Werte und das intellektuelle und kreative Erbe des russischen Volkes zu bewahren und popularisieren”. © Text: Dr. Vladislavs Volkovs, Das Institut für Philosophie und Soziologie, 2000 © Das Lettland-Institut Dieser Text wurde vom Lettland-Institut veröffentlicht. Er darf nur mit Zustimmung des Lettland-Institutes verwendet werden (außer zu lesen, von der Website vom Lettland-Institut zu drucken und zu zitieren). Das Lettland-Institut ist eine staatliche Einrichtung zur Verbreitung von Informationen über Lettland im Ausland. Es gibt Publikationen über Lettland in verschiedenen Sprachen heraus.
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