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Wissenschaft in Lettland Drucken E-Mail

Historische Traditionen reichen weit zurück

Während der Zeit der Reformation im 16. Jahrhundert wurde im heutigen Lettland westeuropäische Wissenschaften und Technologien eingeführt. Systematische Forschung begann Ende des 18. Jahrhunderts, als der Herzog von Kurland Peter Biron 1775 die Akademie Petrina in Jelgava gründete. Unter den Professoren waren hervorragende Wissenschaftler, und auch die erste Sternwarte wurde eröffnet. Ebenfalls eng verbunden mit dem wissenschaftlichen Gymnasium Jelgavas war der Vorläufer der lettischen Akademie der Wissenschaften, der 1815 gegründete kurische Verein für Literatur und Kunst. Bei einem Treffen des Vereins im Jahr 1818 formulierte der Chemiker und Physiker Theodor Grotthus die Theorie der Elektrochemie und die Grundgesetze der Fotochemie. Das erste volkstümliche wissenschaftliche Lexikon für die lettische Landbevölkerung wurde 1774 von Gothard Friedrich Stender ebenfalls in Kurland erstellt und nannte sich “das Buch des großen Wissens”.

Zu Beginn des 19. Jahrhundert begann man auch in Riga mit wissenschaftlichen Forschungen. Immerhin war Riga bis dahin schon für seine Tradition des Buch-Verlagswesens (unter anderem mit Ausgaben von einigen Arbeiten Immanuel Kants und von Johann Gottfried Herder) und die älteste Bibliothek des nordöstlichen Europa, die Rigensis-Bibliothek (gegründet im Jahr 1524) bekannt.

Ebenfalls in Riga arbeitete der erste Naturwissenschaftler lettischer Abstammung, der Arzt und Pharmazeut David Hieronymus Grindel (1776–1836), der auch eine Zeit lang Rektor der Universität Tartu war. Dabei muss erwähnt werden, dass die Universität Tartu, die 1802 ihre Tätigkeit wieder aufnahm, ein gemeinsames Zentrum aller drei baltischen Provinzen dieser Zeit (heute Lettland und Estland) für Hochschulbildung und Wissenschaften war, an dem die ersten lettischen Intellektuellen und auch Wissenschaftler ihre Ausbildung genossen. In der frühen Phase der lettischen Wissenschaft spielten allerdings die Baltendeutschen die führende Rolle.

Das Rigaer Polytechnikum und die lettischen Intellektuellen

Der Trend zur Modernisierung in Osteuropa und im Russischen Reich unterstützten den Anreiz 1862 in Riga ein Polytechnikum zu eröffnen. Diese Hochschulinstitution, die auf dem Beispiel der Züricher ETH basierte und auf Deutsch unterrichtete, war die erste polytechnische Universität des russischen Reiches. In dem hervorragenden wissenschaftlichen Kollegium waren auch der Begründer der physikalischen Chemie Wilhelm Ostwald (der 1909 den Chemie–Nobelpreis für seine Arbeiten, die er in Riga begonnen hat, bekam) und Paul Walden, der Sohn eines lettischen Bauerns, der herausragende Entdeckungen auf dem Gebiet der organischen Chemie und Elektrochemie gemacht hat. Das Rigaer Polytechnikum (später polytechnisches Institut Riga) genoss ein hohes internationales Ansehen und bildete viele herausragende Professoren aus, die in verschiedenen Ländern wirkten. Friedrich Zander, ein Erfinder auf dem Gebiet der Raketenforschung und Pionier der Raumfahrt begann seine wissenschaftlichen Arbeiten ebenfalls an diesem Polytechnikum.

Gleichzeitig entwickelten sich nach dem nationalem Erwachen in Lettland die lettischen Geisteswissenschaften, die eine Zusammenstellung des reichen volkstümlichen Erbes enthielten. Besonders zu erwähnen ist dabei Krišjānis Barons Werk Latvju Dainas (Lettische Volkslieder), welches einen Großteil an gesammelten und klassifizierten lettischen Volksliedern beinhaltete und zwischen 1894 und 1915 mit der Unterstützung der Akademie der Wissenschaften in St. Petersburg veröffentlicht wurde. Wissenschaftliche Studien der lettischen Sprache wurden durch Jānis Endzelīns, Kārlis Mīlenbahs und andere durchgeführt. Russische und westeuropäische Universitäten unterstützten die Ausbildung lettischer Wissenschaftler, die nach dem Ersten Weltkrieg in ihr Land zurückkehren wollten.

Wissenschaft im unabhängigen Lettland (1919–1940) und während der Zeit der sowjetischen Besatzung

Mit dem Erlangen der Unabhängigkeit konnte im Jahr 1919 die Lettische Universität eröffnet werden, die erste umfassende Universität im neuen Staat. Die Universität schloss das frühere Polytechnische Institut Rigas mit ein. Zusammen mit Ingeneurwesen, Landwirtschaft und Chemie wurden an der Lettischen Universität auch Geistes- und Naturwissenschaften, Medizin und Sozialwissenschaften gelehrt. Die Vorlesungen fanden in Lettisch statt und es wurde ein wissenschaftliches lettisches Fachvokabular entwickelt. 1939 wurde mit der Akademie für Landwirtschaft in Jelgava eine zweite Hochschule gegründet und die ersten Bestrebungen, eine Akademie der Wissenschaften zu eröffnen, wurden unternommen.

Der Zweite Weltkrieg, die Besetzungen und die Einverleibung Lettlands in die UdSSR, einhergehend mit den Deportationen, waren ein vernichtender Schlag gegen die florierende wissenschaftliche Aktivität Lettlands. 60% der Wissenschaftler, die vor dem Krieg in Lettland tätig waren, emigrierten in Richtung Westen, wo die meisten ihre Forschungsarbeiten fortsetzten. Auch die lettische Diaspora produzierte herausragende Forscher, wie z.B. Juris Upatnieks in den USA, der eine tragende Rolle in der Entwicklung der Holographie spielte oder Edgars Dunsdorfs in Australien. Ebenfalls in den USA schrieb Edgars Andersons bedeutene Werke der lettischen Geschichte. Nach der Wiederherstellung der Unabhängigkeit bauten diese Wissenschaftler den Kontakt mit Lettland auf und wurden in den Rat der lettischen Akademie der Wissenschaften gewählt.

Nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelte sich die Forschung in Lettland als mehr oder weniger anonymer Bestandteil der “Sowjetwissenschaft” innerhalb der UdSSR. Auch wenn 1946 die Akademie der Wissenschaften der lettischen SSR gegründet wurde, war die Forschung an den Universitäten und Hochschulen rückläufig. Die Akademie der Wissenschaften mit ihren 15 Haupteinrichtungen führten wichtige Forschungen in Physik (Magnetohydrodynamik und Festkörper-Physik), Astronomie, Lehre der Verbundswerkstoffe, Informationswissenschaften, Chemie (medizinische Chemie, Chemie der heterozyklische Verbindungen, Holzchemie, Tiefkühlplasmachemie und Elektrochemie), Hydrobiologie, Virologie und Molekularbiologie durch. 25% der in der gesamten UdSSR entwickelten Arzneimittel wurden in Lettland erfunden (z.B. das Krebs-Medikament Ftorafur, das vielseitige Medikament Mildronate, usw.). Auch das isolierende Material Ripor wurde in Riga entwickelt und wurde in der sowjetischen Raumfahrttechnik eingesetzt (für wiederverwendbare Raumfahrzeuge und Fahrzeuge für Marsmissionen). Ab dem Jahr 1965 veröffentlichte die Lettische Akademie der Wissenschaften vier Wissenschaftsmagazine, die in Englisch übersetzt wurden und bis heute werden und auch in den USA veröffentlicht wurden. Verschiedene Produktionszweige, wie die chemische und pharmazeutische Industrie, die Biotechnologie und weitere haben sich aufgrund der lettischen Forschung vor Ort entwickelt. Etwa 30.000 Menschen haben wissenschaftliche Berufe, davon sind ca. 12.000 Forscher, mehr als die Hälfte mit Doktortitel. Während der Zeit des kommunistischen Regimes, galt die Wissenschaft für die jüngere Generation als ein hochbezahlte "interne Emigration", die damit versuchte, innerhalb der Grenzen der Sowjetunion dem kommunistischen System zu entfliehen. Viele Fachrichtungen, darunter verschiedene Zweige der Geisteswissenschaften, arbeiteten an der Wiederverstärkung der nationalen Identität Lettlands. Auf der anderen Seite wurden die Sozialwissenschaften vernachlässigt und die universitäre Forschung ging zurück. Trotz internationaler Anerkennung in verschiedenen Fachrichtungen der Naturwissenschaften und obwohl junge und kompetente Wissenschaftler ausgebildet wurden, war diese Entwicklung einseitig und auf die Belange einer Großmacht ausgerichtet und nicht auf die, eines kleinen Landes. Darüber hinaus wurde die Isolation vom Westen deutlich wahrgenommen.

Wissenschaft nach der Wiederherstellung der Unabhängigkeit

Mit der Wiedererlangung der Unabhängigkeit änderten sich in Lettland sowohl die Rahmenbedingungen als auch die Prioritäten in Wissenschaft und Forschung. Mit der Gründung des lettischen Wissenschaftsrates beruhte die Evaluierung der Forschung (der Standard der Forschung und die Produktivität der Forscher) nun auf einen internen Wettbewerb. 1992 führte die königliche dänische Akademie der Wissenschaften eine Beurteilung der lettischen Wissenschaft nach internationalem Standard durch, bewertete das erreichte Niveau positiv und formulierte Vorschläge für Umstrukturierungen in der Forschung.

Die Lettische Akademie der Wissenschaften wurde nach westeuropäischen Vorbild in eine Gesellschaft einzelner Mitglieder umstrukturiert, in die viele neuer Mitglieder aus Wissenschaftlern aus dem In- und Ausland gewählt wurden. Die früheren Forschungsinstitute sind hauptsächlich in die Lettische Universität eingegliedert worden, wo sie ihre Tätigkeit unter neuen Bedingungen fortsetzen. Lettland hat, ebenso wie die beiden anderen baltischen Staaten die nordische Variante der wissenschaftlichen Organisation ausgewählt.

Weitere Informationen über die Wissenschaft in Lettland:

  • Der lettische Wissenschaftsrat (Latvian Science Council) www.lzp.lv
  • Lettische Akademie der Wissenschaften (Latvian Academy of Sciences): www.lza.lv
  • Erfindungen und Erfinder in Lettland (Inventions and inventors in Latvia): inventions.lza.lv

© Text: Dr. Raimonds Cerūzis, Das Lettland-Institut; Dr. Jānis Stradiņš, Die Akademie der Wissenschaften Lettlands, 2001

© Das Lettland-Institut
Dieser Text wurde vom Lettland-Institut veröffentlicht. Er darf nur mit Zustimmung des Lettland-Institutes verwendet werden (außer zu lesen, von der Website vom Lettland-Institut zu drucken und zu zitieren). Das Lettland-Institut ist eine staatliche Einrichtung zur Verbreitung von Informationen über Lettland im Ausland. Es gibt Publikationen über Lettland in verschiedenen Sprachen heraus.